|
PRESENT - High Infidelity - TIPP !!!
Wer sie im vergangenen Sommer in Würzburg live erlebt und die Feuertaufe unbeschadet überlebt hat, weiß, dass PRESENT nicht zu toppen sind.
Weder konnten die Götter MAGMA diesem furiosen Urgestein avantgardistischen Progressive Rocks das Wasser reichen, noch die fulminanten Schweden ANEKDOTEN, die selbst schon die Reise nach Würzburg wert waren.
PRESENT sind: einziges Ur-Mitglied Roger Trigaux (Komponist, Arrangeur, Gitarist, Sänger), sein Sohn Reginald (g), Pierre Chevalier (p, keyb, org, mel, voc), Hats off to Dave Kerman (dr, perc, voc), Keith Macksoud (bs), Matthieu Safatly (cel, voc), Fred Becker (saxes), Dominic Ntoumos (tr, horn) und Udi Koomran (sound) sowie die Special Guests Yuval Mesner am Cello und Meidad Zaharia am Akkordeon.
Die sperrigen Songs von PRESENT sind wilde Monster, die sich zwischen den Polen lyrische, aber aggressive Stille und atemberaubender, atonaler Lärm bewegen. Schräge Einfälle, jazzphrasierte Rhythmuskrater und verzerrte Atonalismen säumen die KC-inhalierten Songs.
Vor allem das 27minütige "Souls For Sale", das seinem Namen alle Ehre macht, aus jeglichem Liedformat ausbricht und genüßlich an den Vorstellungen progressiver (Rock-)Denker (ähm, gibt´s so was überhaupt? - egal, klingt aber gut, oder?!) sägt.
Wer es verträgt, sollte das Album möglichst laut und am Stück hören, so wird die Dimension bewusst, die PRESENT ausfüllt. Harsch-herbe Disharmonien, schmeichelhaft wie raues Sandpapier, hausen versteckt zwischen brassigen Rhythmusakzenten. Sperrige Gitarrensoli, vom arhythmischen Schlagzeug aufgebracht, versagen jegliches melodische, schöngeistige und homogene Spiel.
Aber: die präzisen Attacken auf das Trommelfell sind exakt gesetzt, virtuos auf den Punkt gebracht, von fast schon krimineller Energie beseelt, den Verstand samt den Sinnen zu rauben. "Strychnine For Christmas" beginnt verhaltener, nach dem Monsterauftritt von Song 1 wie ein frischer, weicher Sommerwind, um sich langsam und zielbewusst an die Hirnzellen zu machen und dort seine wirkliche Natur zu entfalten. Vielschichtige, abstrakte, wirre, zudem aggressive und berstend vitale Töne greifen die Nervenenden an und erstarren jegliche Funktion. Mit dem abschließenden "Rêve De Fer" bewegt sich die Band etwas ermüdet fort, nichtsdestotrotz von finsteren Gedanken bestimmt, als würde sie den Begriff Progressive Punk erfinden wollen. Die komplexen, aufwendigen Songmodelle entwickeln sich wie der Ravelsche Bolero.
Immer lauter, immer schräger, immer bösartiger wird das Stück.
Wenn die CD auch etwas sanfter als das Würzburger Konzert ist, etwas nüchterner, gebremster, so ist die überdimensionierte Vitalität und aufgebrachte, wilde Energie stets zu hören.
Keine Band in der heutigen Zeit versteht es so gut wie PRESENT, das Anliegen des düsteren, avantgardistischen Progressive Rocks so perfekt, kompromisslos, hart und geglückt umzusetzen.
Für alle Schüler der Kunst des Arrangierens gilt es: hinsetzen, hinhören, verstehen. Wir anderen können uns diesem tonalen Krieg mit Vergnügen widmen.
Roger Trigaux for President.
Deutschland - RAGGAZZI - Volkmar MANTEI
________________________________________________________________________
PRESENT - High Infidelity
Gut anderthalb Jahre nach dem 99er Meisterwerk "No.6" melden sich PRESENT zurück. Und wie. "High Infidelity" ist wieder ein überaus starkes Album geworden und hat die hohen Hoffnungen, die unter anderem yours truly in es setzte nicht enttäuscht.
Gegenüber Nummer 6 wurde die Band erweitert: neben einem neuen Vollzeit-Cellisten kommt inzwischen auch ein kleiner Bläseratz (Trumpete, Sax) zum Einsatz.
Und diese Besetzungsänderung wirkt sich massgeblich auf den Sound der CD aus. "No.6" war ein von Titanen gemeisselter Monolith in Rot und Schwarz, der sich türmte und den Hörer zu erschlagen drohte.
"High Infidelity" hingegen wirkt nicht ganz so einschüchternd, bietet aber viel bei gleichbleibend vielen Ecken und Kanten mehr Facetten und Abwechslung.
Immer noch ist der Sound der Band beklemmend, düster, fordernd und schräg, MAGMA, UNIVERS ZERO und RIO stehen immer noch Pate. Immer noch winden sich die Linien chromatisch hart um die Grenze zum Atonalen.
Immer noch kratzen die Gitarren der beiden Trigauxs aggressiv und rumpelt Keith Macksouds Bass kraftvoll und virtuos, während Dave Kerman am Schlagzeug verspielt aber fett für der Verbindung der beiden Elemente sorgt.
Immer noch bestehen die Stücke zu grossen Teilen aus heftigen, düsteren Riffs, die in verschiedenen Variationen in die Gehörgänge des Konsumten gejagt und gleichsam ins Hirn gemeisselt werden.
Aber: all dies wird untersützt und ausgemalt durch exakt ausgeführte Bläserfanfaren, wird verfeinert durch geschmackvoll-zurückhaltende Cello-Pizzicati. Und gelegentlich verlassen PRESENT die düster-visionären Traumwelten rund um Kindermord und Seelenverkauf und grooven richtiggehend funky (in 17/8 und 7/8, aber das versteht sich von selbst...). Dementes Latinflair und surreale Kirmesmusik passen perfekt ins Bild.
Sogar die gelegentlichen Vocals - sei es Roger Trigauxs Irren-Grollen oder Reginald Trigaux zerbrechliches Flehen -, die auf den vorhergehenden PRESENT-Platten eher als Störfaktur wirkten, ergeben nur eine zusätzliche Würze in einem ausgeklügelten Gericht, ohne den jeweiligen Gang zu dominieren.
Also: das Jahr 2001 ist für mich schon was die Qualität der veröffentlichten Prog-Platten angeht eines der ergiebigsten der letzten Zeit. PRESENT haben mit "High Infidelity" dazu beigetragen und wieder eine grossartige und faszinierende Leistung abgeliefert. Tut Euch einen Gefallen und hört zumindest mal rein.
Deutschland - BABYBLAUE - Udo GERHARDS
________________________________________________________________________
PRESENT - N°6
Gleich ein Jahr nach dem recht erfreulichen Comeback "Certitudes" beglücken uns die belgischen PRESENT mit einem weiteren Album.
Allerdings hatte zwischenzeitlich Schlagzeuger Daniel Denis seine Band UNIVERS ZERO neu formiert, so dass PRESENT-Kopf Roger Trigaux seine Band fast komplett neu zusammenstellte. Allerdings bleiben die Verbindungen zwischen den beiden Bands bestehen, da Trigaux Sohn Réginald, der bei PRESENT als Gitarrist wirkt, auf der neuen UNIVERS ZERO-Platte für den Bass zuständig ist. Roger Trigaux selbst, Komponist aller Stücke, spielt auf "No.6." nur im kurzen "Le Rodeur" mit; er ist für diese Platte bewusst zurückgetreten, um seinem Sohn die Möglichkeit zu geben, seine gitarristischen Fähigkeiten zu beweisen. Und man vermisst ihn auch nicht: Trigaux Junior pflegt einen sehr ähnlichen Stil, vielleicht etwas kräftiger rockiger als sein Vater, aber genauso ausdrucksstark, mit ähnlichen langezogenen, heulenden Tönen.
Als Schlagzeuger ersetzt hauptsächlich der Amerikaner Dave Kerman (von "U-TOTEM",
"5 UU's", "THINKING PLAGUE" und "BLAST") Denis, und sein genauso virtuoses aber druckvolleres, fetteres Spiel passt hervorragend zu PRESENTs" Musik, für meinen Geschmack sogar besser als der recht schlanke, eher zurückhaltende Stil Daniel Denis. Weiterhin mit dabei: Pierre Chevalier (Piano, ein bisschen Mellotron), und Keith Macksoud (Bass) sowie David Davister als Schlagzeuger in "Sworlf" und Gastcellist Yuval Mesner.
Gottseidank haben sich PRESENT für "No.6" wieder auf ihre eigentlichen Stärken besonnen und bis auf einen kurzen Abschnitt in der "Ceux D'En Bas"-Suite komplett auf Vocals verzichtet.
Die Musik ist wieder unglaublich kraftvoll und intensiv. Die einzelnen Abschnitte bauen meist auf einem drängenden repetitiven Riff in Bass oder Klavier auf, das unablässig, gnadenlos wiederholt wird, und worüber die anderen Instrumente ein schräges, erschöpfendes Muster legen, fast nie in solistischer Art und Weise, sondern die verschiedenen Stimmen und Instrumente verflechtend, so dass sich bei aller Wiederholung ständig etwas tut und verändert. So entwickelt sich eine dichte, dichte, ebenso mitreissende wie beunruhigende Stimmung.
"The Limping Little Girl" ist ein schon ein grandioses Beispiel dafür: eingeleitet durch den Gesang eines kleinen Mädchens erfolgt ein unablässiger Midtempo-11/8-Angriff von fettem, angezerrtem Bass und Schlagzeug, über dem sich Gitarre, Piano und Cello zu Akkorden von körperlich spürbarer Spannung und Intensität auftürmen, immer wieder unterbrochen vom Gesang des Mädchens oder dem bellenden 'Pervert': "Didn't you hear what your mother said?" In Teil drei übernehmen plötzlich Gitarre und Piano ein "Fracture"-mässiges Riff, während das Cello mit schrägen Schlägen darüber fährt, bis plötzlich der Bass in ein Frickelsolo ausbricht und in die Ekstase der Restband einfällt und die Band in Teil 4 nach einem seltsamen percussiven Piano-Zwischenspiel zurückkehrt zu den Motiven von Teil 2 und den Zuhörer atemlos und erschöpft zurücklässt.
Die ekstatische MAGMAeske Technik der penetranten Wiederholung bei gleichzeitiger Spannungssteigerung wird hier in Perfektion angewandt und eine perverse, wahnsinnige, fast greifbare Bedrohung schwebt im Raum.
Diese Spannung ist sicher auch darauf zurückzuführen, dass bei allem Drängen der Musik die Musiker stets die Kontrolle behalten, aber um diese angesichts der Urgewalt der Musik jeden Takt lang kämpfen müssen; formloses Gefrickel ist hier Fehlanzeige, obwohl man das Gefühl hat, dass es jeden Moment ausbrechen könnte, wenn die Musiker der Musik freien Lauf lassen würden.
"Le Rodeur" ist ein recht kurzes, aber auch mysteriös düsteres Zwischenspiel, bestehend aus kratzender, immer dominanter werdender Percussion und rufenden, grollenden, heulenden Gitarren. Track 6 (No.6...) sind acht Sekunden Stille, die sich der Zuhörer hier redlich verdient hat.
Insbesondere, da es gleich danach mit dem nächsten Monstertrack weitergeht, der "Ceux D'En Bas"-Suite. Part 1 ist mit seinem fast fröhlichen Piano-Pattern plus treibendem 5/4-Rhythmus mal nicht ganz so monströs wie "The Limping Little Girl", aber dank schräger, chromatischer Gitarren und Einwürfe noch seltsam genug.
Teil zwei wirkt wie eine verdrehte, demente Variation auf Tony Banks' "Lamp Lies Down"-Piano-Arpeggio, Teil drei baut Spannung auf für das stampfende Bass-Riff, das in "Vers Le Cauchemar" mit einer Gitarren-Reminiszenz an "Certitudes" überlegt wird.
Und dann beginnt die schwächste Stelle der Platte, was weniger an der Musik liegt, als wieder mal an den Vocals: Zeilen wie "Damnation to you all! / Give the people what they want / food games no more sex / give the people what they want / stories heroes tv sets / give the people what they want" usw. usw. zusammen mit einem überaffektierten Gegrolle in heftigem französischem Akzent sorgen bei mir leider für sicherlich unbeabsichtigte Heiterkeit. Diese unnötige Konkretisierung der mysteriösen agressiven, bedrohlichen Stimmung verdirbt an dieser Stelle einfach den Effekt.
Aber diese drei Minuten gehen gottseidank schnell vorbei, und mit dem dem grollenden Bass und ständig beschleunigenden ekstatischen 9/4-Marsch von "Le Combat" gelingt der Band doch noch ein toller, mitreissender, erschöpfender Abschluss. Da geht die Post ab, und MAGMAs" "De Futura" lässt schön grüssen.
"Sworlf" beschliesst dann etwas ruhiger, akustischer (hier liegen UNIVERS ZERO wieder etwas näher als MAGMA), aber kaum weniger intensiv die Platte, wobei ich zugeben muss, dass ich von den vorhergehenden Exzessen an dieser Stelle meist schon so im positiven Sinne geschafft bin, dass ich davon fast nichts mehr mitbekomme.
Wenn man von dem kurzen Ausfall "Le cauchemar Yo" absieht, ist PRESENT wieder eine grossartige Platte gelungen, vielleicht ihre kraftvollste, mitreissendste überhaupt.
Zwar wird dieser Effekt zu Lasten eines raffinierten, strukturell interessanten Song-Aufbaus gewonnen, wie man ihn auf den früheren Platten finden konnte, aber das Ergebnis ist so MAGMAesk titanisch, dass ich das nicht als Meckergrund ansehen möchte.
Von mir also eine fette Empfehlung für Mutige, die es mal mit zwar schrägen, heftigen, abgedrehten aber unglaublich intensiven, mitreissenden Klängen versuchen wollen.
Deutschland - BABYBLAUE - Udo GERHARDS
________________________________________________________________________
PRESENT
Roger Trigaux verliess UNIVERS ZERO nach dem Album "Heresie", wohl um mehr Platz und Spielraum für seine Kompositionen zu haben.
Auch soundmässig entfernen sich PRESENT, trotz des Mitwirkens einiger Ex-UZ-Mitglieder von UNIVERS ZERO, der Klang ist insgesamt elektrischer, rockiger und weniger 'klassisch', wenn auch die kompositorische Inspiration durch die moderne Klassik sicher geblieben ist und es insgesamt auch hier sehr schräg und düster zugeht.
Mit ihren neuesten Platten No.6 und High Infidelity haben sich Present erfolgreich neu erfinden können. Ein noch stärkerer Zeuhl-Einfluss lässt sich ausmachen, aber wo Christian Vander mit MAGMA ein extraterristisches Utopia beschwört, suhlt sich Trigaux in den Untiefen der menschlichen Existenz.
Deutschland - BABYBLAUE - Udo GERHARDS
________________________________________________________________________
|

|